Leseprobe                 

Prolog

Sie erwachte vom vertrauten Druck starker Arme, die sich um ihren Oberkörper schlangen. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie sich enger in die Umarmung schmiegte. Etwas strich kurz über ihr Ohr und verschwand wieder. Die Arme zogen sich fester zusammen, bis die Berührung fast schmerzhaft war.
    »Stuart?« Ihre Stimme klang rau und atemlos. Sie wartete auf eine beruhigende Antwort, erhielt aber keine. Vielleicht schlief er schon so tief, dass er gar nicht bemerkte, was er tat. Sie versuchte, die Umklammerung etwas zu lockern, doch es gelang ihr nicht. »Stuart, wach auf!« Was energisch klingen sollte, kam als erbärmliches Krächzen heraus.
    Mühsam regulierte sie ihre viel zu schnelle Atmung und entspannte ihre Muskeln. Ihre Beunruhigung ließ nach, als sich die Umklammerung lockerte und sie wieder frei atmen konnte. Bisher hatte sie Stuarts Stärke immer als angenehm empfunden, doch nun hatte sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie auch bedrohlich sein konnte. Sie würde später mit ihm darüber reden. Ihre Lider wurden schwerer. Später …
    Ein leises Zischen war zu hören, einer der um sie gelegten Arme verschwand. Sie riss die Augen auf, sah aber nur die rot leuchtenden Ziffern ihres Weckers, der Rest des Schlafzimmers lag im Dunkeln. 2:25 Uhr. Sie versuchte sich umzudrehen, doch Stuarts Arm schlang sich noch fester um sie und hinderte sie daran. Also war Stuart doch wach!
    »Ich finde das nicht mehr lustig, lass mich endlich los und sprich mit mir!«
    Doch die einzige Antwort war eine Hand, die nach ihrer griff und ihren Arm anhob. Erregung kämpfte mit Verärgerung um die Vorherrschaft. Sie hatte Stuarts fantasievolles Liebesspiel immer genossen, aber diesmal würde sie es ihm nicht so leicht machen. Ein scharfer Stich in ihrer Achselhöhle riss sie aus ihren Gedanken.
    »Au, lass das endlich! Bist du denn völlig verrückt geworden?« Mit einer ruckartigen Bewegung befreite sie sich endgültig aus seiner Umarmung und rutschte Richtung Bettkante. Sie stand kein bisschen auf Schmerzen, das wusste er genau.
    Viel zu spät erkannte sie, dass es nicht Stuart war, der mit ihr im Bett lag. Er konnte es nicht sein, denn sie hatten gestern Abend noch miteinander telefoniert. Seine Geschäftsreise würde bis morgen dauern, und er … roch anders. Furcht breitete sich in ihr aus. Schwindelgefühl setzte ein, und sie schaffte es kaum noch, sich aufrecht zu halten. Schwankend saß sie auf der Bettkante und versuchte aufzustehen, doch es gelang ihr nicht. Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht mehr. Dennoch beherrschte sie nur der Gedanke an Flucht. Eine letzte Kraftanstrengung, aber ihre Beine versagten, und sie kippte nach vorn. Die Ziffern des Weckers kamen näher, dann schlug ihr Kopf gegen die Kante des Nachttischs. Schmerz durchzuckte sie, bevor es dunkel um sie wurde.
    Sie schien auf einer Wolke zu schweben und ihren Körper verlassen zu haben. Mühsam versuchte sie, sich daran zu erinnern, was geschehen war. Schmerz pochte in ihrem Kopf und durchdrang den Nebel. Sie wollte ihren Arm heben, um nach der Ursache dafür zu forschen, doch sie konnte ihn nicht bewegen. Erinnerungsfetzen tauchten auf. Ein Druck auf ihrer Brust. Ärger. Angst. Das Gefühl zu fallen. Ihr Kopf explodierte.
    Sie lag nicht mehr in ihrem Bett. Wo war sie? Sie versuchte sich aufzusetzen, aber ihr Körper versagte erneut den Dienst. Furcht schnürte ihr die Kehle zu. Hatte sie sich beim Sturz aus dem Bett etwa das Rückgrat verletzt? Alles, nur das nicht! Sie wollte um Hilfe rufen, doch sogar ihre Stimmbänder schienen gelähmt zu sein. Stuart, hilf mir! Die Erinnerung, dass er nicht hier war, nie da gewesen war, ließ Panikwellen durch ihren Körper fließen. Aber wenn es nicht Stuart war, wer dann? Er hatte ihren Arm hochgehoben, und danach hatte sie einen seltsamen Stich in ihrer Achselhöhle gespürt. Drogen?
    Etwas zupfte an ihrem Bein, wanderte höher. Es war eindeutig jemand bei ihr, sie hatte sich das Ganze nicht eingebildet. Aber es besaß doch niemand außer ihr und Stuart einen Schlüssel zum Haus. Trotzdem drang ein Lichtschimmer durch ihre halb geschlossenen Lider, obwohl es vorhin noch vollkommen dunkel gewesen war. Tränen traten ihr in die Augen. Was geschah nur mit ihr? Es war mitten in der Nacht, sie war gelähmt und irgendjemand berührte sie, machte mit ihr, was er wollte, und sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Herz hämmerte wild vor Entsetzen.
    Mit äußerster Kraftanstrengung gelang es ihr, den Kopf ein winziges Stück zur Seite zu drehen. Ihre Schreibtischlampe stand neben ihr auf dem Boden, sie konnte die Hitze des Lichtstrahls auf ihrem Bauch spüren. Wieder ein Ziehen und Gleiten, diesmal in Höhe ihres Magens. Was war das? Ein Luftzug strich über ihre Haut. Angst lähmte ihr Denken, ließ ihr Herz rasen. Ihr Blick irrte durch den schwach beleuchteten Raum. Wer auch immer bei ihr war, musste sie ins Wohnzimmer gebracht und auf den Holzfußboden vor den Kamin gelegt haben. Oder hatte sie sich selber hierhergeschleppt, bevor sie ohnmächtig geworden war? Unmöglich. Das Ziehen wanderte weiter nach oben, jetzt war es an ihren Brüsten.
    Neben der Lampe lag ein schwarzer Gegenstand, der wie ein Lederetui aussah. Etwas näherte sich ihrem Gesicht und drehte ihren Kopf, sodass sie direkt an die Decke starrte. Bitte, ich will etwas anderes sehen als weißen Putz! Ich bin wach, hilft mir denn niemand? Doch ihre Stimme hallte nur durch ihren Kopf, ohne nach außen zu dringen. Der Lichtstrahl wanderte, bis er genau auf ihrem Gesicht lag. Sie versuchte, die Augen zu schließen, doch auch das gelang ihr nicht. Etwas berührte ihr Kinn, strich darüber, dann über ihre Wangen, die Lippen, die Nase, Augen und Stirn. Zuletzt umkreiste es ihre Ohren und verschwand.
    Sie hörte ein leises Knacken, so als hätte jemand einen Druckknopf geöffnet. Kurz darauf verschwand das Licht und wurde wieder durch einen schwachen Schimmer ersetzt. Gott sei Dank, ihre Augen brannten bereits. Erneut fühlte sie einen Druck an ihrem Schenkel. Nicht noch einmal! Der Gedanke verflüchtigte sich, als ein scharfer Schmerz durch ihr Bein fuhr. Ein weiterer Schrei ertönte in ihrem Kopf. Die Innenseite ihres Oberschenkels brannte wie Feuer, aber sie konnte nichts dagegen tun. Ein Druck an ihrem anderen Schenkel, dann wieder der Schmerz. Großer Gott, was tat er da? Der Schmerz wanderte nach oben, auf ihre Hüfte zu. Nein! Aufhören! Sie musste ihn aufhalten, konnte sich aber nicht bewegen, so sehr sie es auch versuchte. Tränen rannen über ihre Schläfen und verloren sich in ihren Haaren. Eine Hand in einem Latexhandschuh erschien vor ihren Augen und bedeckte sie. Ihre Lider schlossen sich, und sie blieb in der Dunkelheit zurück. Aber sie hatte das Blut am Handschuh gesehen. Panik raste durch ihren Körper, dicht gefolgt von alles überwältigendem Schmerz.

 

Kapitel 1

 

Los Angeles

Zögernd streckte Lincoln Silver seine Hand nach dem Klingelknopf aus, ließ sie dann aber wieder sinken. Noch einmal betrachtete er das matt glänzende Messingschild, auf dem in geschwungenen Buchstaben A. J. Terrence – Photo Studio stand. Sowohl das Schild als auch die Schrift waren schlicht und stilvoll, trotzdem konnte er sich nicht überwinden, das Gebäude zu betreten. Das Studio befand sich in einem alten Backsteinbau, der seine besten Tage schon längst hinter sich hatte, aber dennoch nicht heruntergekommen wirkte. Silver hatte es ausgewählt, weil es weit genug von seinem gemieteten Haus entfernt lag, um ihn die ganze leidige Angelegenheit rasch vergessen zu lassen, sobald er sie erledigt haben würde.
    Er hatte in seinem Leben schon viele unangenehme Dinge machen müssen und sich noch nie vor ihnen gedrückt, doch diesmal tat er es. Den Wutanfall seiner Freundin Stacy, den seine Weigerung unwillkürlich nach sich ziehen würde, sah er zwar schon jetzt voraus, aber er würde ihn genauso überstehen wie die anderen zuvor. Sein schlechtes Gewissen meldete sich, als ihm bewusst wurde, dass er froh darüber war, ihre Beziehung durch seinen Umzug von Chicago nach Los Angeles auf Eis gelegt zu haben. Natürlich wäre es fairer und ehrlicher gegenüber Stacy gewesen, sich gleich von ihr zu trennen, nachdem er gemerkt hatte, dass seine Gefühle für sie längst nicht so stark waren wie ihre für ihn. Aber das war
ein weiteres Thema, über das er jetzt lieber nicht nachdenken wollte.
    Silver fuhr zusammen, als die Tür neben ihm aufschwang und ein älterer Herr herauskam, der beinahe in ihn hineinlief.
    »Oh, Verzeihung!« Der Mann lächelte und hielt die Tür für ihn auf. »Ich nehme an, Sie wollen rein?«
    »Nun, ich …«
    Der Mann nahm das anscheinend als Zustimmung, denn er klopfte ihm auf die Schulter und ging erst weiter, als Silver in den Hausflur getreten war. Kühle umfing ihn, und der Verkehrslärm verstummte, als sich die Tür mit einem leisen Klicken hinter ihm schloss. Am liebsten hätte er das Gebäude sofort wieder verlassen, machte stattdessen jedoch einen weiteren Schritt in das nur schwach beleuchtete Treppenhaus. Ein Deckenventilator drehte sich behäbig, und der angenehme Luftzug ließ ihn kurz innehalten. In Ordnung, der Laden wirkte zumindest nicht so schäbig, wie er sich so ein Studio immer vorgestellt hatte. Er könnte sich also erst einmal alles anschauen und dann immer noch entscheiden, ob er bleiben oder gehen wollte. Silver stieg lautlos die Treppe hinauf und betrachtete dabei die an der Wand ausgestellten Fotografien. Es waren Porträts von lachenden Kindern, verliebten Paaren, perfekt ausgeleuchtete Aufnahmen von älteren Menschen. Immer individuell, kein einziger schneller, liebloser Schnappschuss. A. J. Terrence hatte eindeutig Talent, so viel konnte selbst er als Laie erkennen.
    Weiter oben an der Wand hingen gerahmte Akte, außer Sichtweite von Kindern. Silver blieb vor einem Foto stehen und betrachtete es eingehend. Es war ein wunderschöner Frauenkörper, sanft beleuchtet, mit tiefen Schatten, die mehr verbargen als enthüllten. Erotisch, geschmackvoll und nur einen Hauch voyeuristisch. Sein Blick glitt zum nächsten Bild, diesmal war es ein Mann, ebenso nackt, ebenso sinnlich. Langsam stieg Silver die Treppe weiter hinauf, während er die einzelnen Aufnahmen studierte. Er war so sehr in seiner Betrachtung gefangen, dass er die Person auf dem obersten Treppenabsatz erst bemerkte, als ein Gegenstand mit lautem Krachen auf ihn zugeflogen kam. Instinktiv sprang er zur Seite, rutschte aus und landete mit seiner Hüfte schmerzhaft auf einer Stufe.
    »Oh mein Gott, haben Sie sich verletzt?« Eine Frau tauchte neben ihm auf und fasste ihn sanft am Arm. »Können Sie sich bewegen?«
    »Es geht mir gut.«
    »Wirklich?« Besorgt beugte sie sich über ihn. Eine dunkle Haarsträhne rutschte aus ihrem Zopf und strich über seine Wange. Ungeduldig klemmte die Frau sie hinter ihr Ohr. »Es tut mir leid, ich habe Sie nicht kommen gehört und mich deshalb erschreckt, als Sie so plötzlich auf der Treppe standen.«
    »Was war denn das für ein Geschoss?« Silver setzte sich langsam auf und verzog dabei das Gesicht, als sich der Schmerz in seiner Hüfte bemerkbar machte.
    »Ich bringe gerade ein paar alte Sachen in den Keller. Klappstühle, ein Stativ und weitere Gegenstände. Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch etwas abbekommen haben?«
    »An mir ist zwar irgendetwas vorbeigeflogen, aber da war ich schon abgetaucht.«
    Ein leichtes Lächeln zeigte ihre Grübchen. »Sie sahen sehr elegant dabei aus.«
    Silver grinste. »Das kann ich mir vorstellen.« Während er sich an der Wand abstützte, nahm die Frau seinen Arm und half ihm, sich vollends aufzurichten. Sie ließ ihn erst los, als er wieder sicher auf seinen Beinen stand.
    »Irgendetwas verletzt?«
    Silver testete die Beweglichkeit seiner Arme und Beine, drückte den Rücken durch und schüttelte den Kopf. »Alles in Ordnung.«
    »Das beruhigt mich.« Sie bückte sich und begann, ihre Sachen wieder aufzuheben, die über die ganze Treppe hinweg verstreut waren.
    »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
    Erneut zeigten sich ihre Grübchen. »Danke, das ist nicht nötig. Gehen Sie ruhig schon nach oben, ich schaffe das auch allein.«
    Silver blickte ihr hinterher. Viel lieber würde er sich weiter mit ihr unterhalten, als die Treppe hinaufzugehen und dort Stacys Wunsch nachzukommen. Kopfschüttelnd setzte er sich in Bewegung und erkannte erleichtert, dass er sich wirklich nicht verletzt hatte. Das wäre bei seinem Vorgesetzten sicher nicht gut angekommen, schließlich hatte er den neuen Job erst vor wenigen Wochen angetreten.
    Oben mündete das enge Treppenhaus in ein großes Studio, das fast die gesamte Breite des Gebäudes einnahm. Zwei Türen gingen von ihm ab, und Silver konnte durch einen Türspalt erkennen, dass es sich bei dem einen Raum um eine winzige Küche handelte. Im anderen befand sich vermutlich das Bad. Die großen Fenster waren von schwarzen Vorhängen eingefasst, die sicher zum Fotografieren nötig waren. Edles Parkett bedeckte den Boden, in einer Ecke des Raumes stand ein Computertisch, in einer anderen waren sämtliche Utensilien aufgebaut, die in einem Fotostudio gebraucht wurden. Interessiert betrachtete Silver die teuer aussehende Kamera, die auf ein Stativ gesetzt war.
    »Nicht anfassen!«
    Silver wirbelte zu der Frau herum, die nun wieder nach oben gekommen und – ohne dass er es bemerkt hatte – hinter ihn getreten war. Entweder war sie extrem leise, oder er sollte den Beruf wechseln. »Das hatte ich nicht vor.« Er beobachtete sie interessiert, während sie über die Kamera strich und die Ausrüstung kontrollierte. »Arbeiten Sie für A. J. Terrence?«
    Kleine Lachfältchen tauchten rund um ihre Augenwinkel auf. »So kann man es auch sagen.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin A. J. Terrence.«
    Silver hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. »Ich dachte …« Er brach ab und strich sich über das Kinn. »Ich hatte mit einem Mann gerechnet.«
    »Tut mir leid, damit kann ich nicht dienen.« Sie lachte. »Aber ich versichere Ihnen, dass ich mindestens ebenso gut fotografieren kann.«
    »Das habe ich draußen bereits gesehen, aber darum geht es nicht.«
    Sie zog eine Augenbraue hoch. »Sondern?«
    Silver schwieg verlegen. Es war sicher albern, aber er hatte im Telefonbuch extra nach einem Fotostudio gesucht, dessen Inhaber nach einem Mann geklungen hatte. »Wofür steht A. J.?«
    »Das verrate ich nur ungern.« Sie verzog den Mund. »Aber um Ihnen zu versichern, dass ich wirklich eine Frau bin, vertraue ich Ihnen mein tiefstes Geheimnis an: Anabelle Jane.« Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie sein Grinsen sah. »Das ist nicht witzig!«
    Silver bemühte sich, seine Belustigung zu verbergen. »Tut mir leid. Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Sie eine Frau sind. Und genau das ist mein Problem. Ich glaube, ich würde mich bei dieser Art von Aufnahmen bei einem Mann wohler fühlen.« Er machte eine kleine Pause. »Sofern das überhaupt möglich ist.«
    Sie musterte ihn von oben bis unten. »Es geht um Aktaufnahmen?«
    Silver schwieg. Er sah bestimmt so aus, als ob er jeden Moment flüchten wollte. Seine Annahme wurde dadurch bestätigt, dass sie ihm in den Weg trat.
    »Haben Sie die Fotogalerie gesehen und haben Ihnen die Bilder gefallen?«
    Silver räusperte sich. »Ja, sehr sogar. Es liegt auch nicht daran, dass ich glauben würde, Sie wären nicht gut.« Er ging zum Fenster und blickte hinaus. »Ich möchte mich nur nicht so fotografieren lassen.«
    »Warum sind Sie dann hier?«
    »Ich habe in L. A. einen neuen Job angenommen, und meine Freundin musste in Chicago bleiben. Sie ist der Meinung, dass ich ihr, wenn ich schon nicht mehr da bin, zumindest ein … nun, sagen wir, ein etwas freizügigeres Foto von mir schicken kann.«
    A. J. schwieg einen Moment, dann nickte sie. »Ich verstehe, warum Ihre Freundin das gerne möchte. Aber ich arbeite grundsätzlich nur mit Modellen, die aus eigenem Antrieb heraus zu mir kommen, besonders bei Akten. Wenn Sie also nicht fotografiert werden wollen, gehen Sie am besten gleich wieder.«
    Silver sah, dass sie es ernst meinte, und das gefiel ihm. Was war schon dabei, ein paar Fotos von sich machen zu lassen? Wenn er es nicht jetzt und hier täte, würde er es auch nirgendwo anders mehr tun, so viel war klar. »Vielleicht können wir einfach anfangen und sehen, wie es läuft?«
    »In Ordnung. Ich werde die Tür unten offen lassen, sodass Sie jederzeit gehen können, sollte es Ihnen zu viel werden.«
    Silver blickte forschend in ihr Gesicht. »Sie können ruhig lachen.«
    A. J. sah ihn zunächst erstaunt an, dann brach sie tatsächlich in Gelächter aus. »Tut mir leid, aber ich kann Sie wirklich sehr gut verstehen. Was glauben Sie wohl, warum ich immer hinter der Kamera stehe? Ich wäre ein ganz schlechtes Modell.«
    »Das kann ich mir nicht vorstellen. Was passiert jetzt?«

A. J. betrachtete Silvers Kleidung, während sie sich schon vorstellte, wie er ohne aussehen würde. Sie konnte es kaum erwarten. »Das Hemd ist gut, damit können wir etwas anfangen. Ziehen Sie einfach das T-Shirt darunter aus.« Sie sah, wie er sich versteifte. »Oder wir fangen mit ganz normalen Fotos an und steigern uns dann langsam – ganz wie Sie möchten.«
    »Einverstanden.«
    »Machen Sie es sich schon mal gemütlich, während ich meine Ausrüstung vorbereite.« Sie deutete auf einen flauschigen runden Teppich, etwa drei Meter von der Kamera entfernt.
    Zögernd ließ sich Silver im Schneidersitz darauf nieder.
    »Wie heißen Sie? Ich spreche meine Kunden lieber mit Namen an, dann reagieren sie im Allgemeinen besser auf meine Anweisungen.«
    »Anweisungen?« Er entspannte sich etwas. »Silver.«
    »Ist das Ihr Vor- oder Nachname?«
    Silver verzog den Mund. »Wir scheinen beide ein Problem mit unseren Vornamen zu haben.«
    Mit einem Ruck zog A. J. die Vorhänge zu. »Warum? Heißen Sie etwa auch Anabelle?«
    Silver lachte. »Nein, Lincoln.«
    »Gut, in diesem Fall verstehe ich, dass Sie sich Silver nennen. Es klingt geheimnisvoll – und es passt zu Ihnen.«
    »Danke, A. J.«
    »Das ist nur mein Geschäftsname, normalerweise werde ich Ana genannt. Das ist zwar auch nicht wirklich prickelnd, aber immerhin eine akzeptable Alternative.«
    »Mir gefällt Ana.«
    Lächelnd beugte sie sich zu ihm hinunter. »Danke. Wollen wir anfangen?« Sie deutete sein Schweigen als Zustimmung. »Winkeln Sie ein Knie an, ziehen Sie es leicht an sich heran und legen Sie dann beide Arme locker darum. Ja, genau so. Rücken gerade, Kinn nach oben. Gut, so bleiben, ich sehe mir das durch die Kamera an.«
    Sie richtete den Scheinwerfer aus, drehte den Reflexionsschirm, um für mehr indirekte Beleuchtung zu sorgen, und blickte durch den Sucher. Silver sah noch immer so aus, als würde er am liebsten flüchten. Besser, sie fing sofort an, bevor er es sich anders überlegte. Es juckte sie in den Fingern, ihn auf Film beziehungsweise einen Speicherchip zu bannen. Sie mochte all ihre Modelle, egal ob jung oder alt, schön oder weniger gut aussehend, doch besonders hatten es ihr interessante Menschen angetan. Ana stellte die richtige Belichtung und Schärfe ein und drückte dann auf den Auslöser.
    »Sie müssen sich etwas mehr entspannen, wenn die Bilder halbwegs gut werden sollen. Denken Sie an etwas Schönes.« Sie griff hinter sich und schaltete den CD-Spieler an. Sie liebte es, mit leiser Ethnomusik im Hintergrund zu arbeiten. Dumpf dröhnten Trommeln durch das Studio, eine einsame Flöte begann ihr Klagelied. »Besser so?«
     »Ja.«
    »In Ordnung. Sie müssen nicht lächeln, das würde nur verkrampft aussehen. Versuchen Sie einfach, sich vorzustellen, dass die Kamera gar nicht vorhanden ist und wir alleine sind.« Silver grinste sie an, seine Augen glitzerten. Perfekt. Sie drückte auf den Auslöser.
    »Wir sind allein.«
    Sie sah auf und strich sich ihre widerspenstige Haarsträhne erneut aus dem Gesicht. »Ich sprach von der Kamera.«
    Während sie sich unterhielten, schoss Ana weitere Fotos. Schließlich hielt sie den richtigen Zeitpunkt für gekommen, denn Silver wirkte so entspannt auf sie, wie es in dieser Umgebung möglich war. »Wie wäre es, wenn wir es jetzt nur mit dem Hemd versuchen?«
    Sein Lächeln wich einem Gesichtsausdruck, den sie nicht zu deuten vermochte. »Okay.«
    »Gut.« Sie zeigte auf den Paravent, der in einer Ecke des Raumes aufgestellt war. »Sie können sich dahinter umziehen, wenn Sie wollen.«
    »Das ist nicht nötig.« Er öffnete sein Hemd, schob es von den Schultern und zog sich danach das T-Shirt über den Kopf.
    Ana bemühte sich, so zu wirken, als würde sie sich mit ihrer Kamera beschäftigen, während sie ihn beobachtete. Kein Gramm überflüssiges Fett befand sich an Silvers kraftvollem Oberkörper, er war vollkommen. Sie gierte danach, ihn hüllenlos vor die Kamera zu bekommen, aber sie wusste, dass sie langsam vorgehen musste, um ihn nicht zu verschrecken.
    Er schlüpfte wieder in sein Hemd und blickte sie unschlüssig an. »Und jetzt?«
    »Lassen Sie es offen, das ist perfekt so.« Sie gab ihm Anweisungen, wie er sich hinsetzen sollte, und machte einige Aufnahmen. »Gut, sehr schön. Schieben Sie jetzt den Kragen auf der linken Seite etwas weiter nach außen. Ja, genau so. Stopp, das reicht. Ich denke, die Fotos werden Ihrer Freundin gefallen.« Sie beugte sich wieder über die Kamera, passte Licht und Schärfe an und drückte den Auslöser. »Mehr?« Atemlos wartete sie auf seine Antwort.


Wer jetzt wissen möchte, wie weit Silver wirklich geht, sollte zum Buch greifen und weiterlesen ...